Tom Kindt

Björn Reich

Eine Liebeserklärung an die Bibliothek –

Worlds Made by Words

Anthony Grafton, Worlds Made by Words. Scholarship and Community in the Modern West. Cambridge, MA/London: Harvard University Press 2009. VIII, 422 S. [EUR 27,00]. ISBN: 978-0-674-03257-6.

1. Briefwechsel in der Gelehrtenrepublik

»Avocor a scriptione invitus; ergo abrumpo dulce colloquium, et claudo. Non cessemus pulsare, quaerere, orare« (»Against my will I must stop writing, so I break off our sweet conversation and come to a close. But let us not stop knocking, questioning, and praying« [129]), schreibt Johannes Decker an seinen ›Brieffreund‹ Johannes Kepler, mit dem er in der Vergangenheit mehrfach über ihre chronologischen Studien im Allgemeinen und die genaue Datierung von Christi Geburt im Besonderen diskutiert hatte. Der wissenschaftliche Austausch zwischen dem Protestanten Kepler und dem Jesuiten Decker, der zusammen mit dem ›Hexentheoretiker‹ Martin del Rio lebte (vgl. 128), erwies sich – dies zeigt sich in den verschiedenen Briefen – als recht kompliziert, aber der Respekt beider Männer vor ihrem ›Gegner‹ und ihr beider Glaube an einen wissenschaftlichen Fortschritt, der sich unabhängig von Glaubensfragen vollziehe, ließ es zu, dass die beiden so verschiedenen Männer wenigstens für eine kurze Zeit in einen fruchtbaren wissenschaftlichen Austausch miteinander traten: »[A]s it took the clash of flint and steel to produce sparks,« schreibt Decker, »so it took that of minds to produce new knowledge« (129). Der ungewöhnliche Briefwechsel dient Anthony Grafton als Illustration für die Res publica litterarum oder auch ›Republic of Letters‹ (im Deutschen hat sich der Terminus ›Gelehrtenrepublik‹ durchgesetzt). Es handelt sich dabei um die Vorstellung von einer imaginären Republik, die in dieser Form als Ideal im 16. Jahrhundert aufkam, einer Republik, ohne spezifische Landesgrenzen und ohne Regierung, einer großen gemeinsamen Wissenschaftsgesellschaft, in der alle Mitglieder unabhängig von Stand, Herkommen oder Glaube wissenschaftlich miteinander kommunizierten: »The Republic of Letters […] embraces the whole world and is composed of all nationalities, all social classes, all ages and both sexes … All languages, ancient as well as modern, are spoken. The arts are joined to letters, and artisans also have their place in it« (9). Jeder, so legen es diese Formulierungen aus dem Jahre 1699 nahe, konnte Mitglied der Republik werden, wenn er nur in der Lage war, Latein (und vielleicht einige andere relevante Sprachen) zu sprechen und so in den wissenschaftlichen Austausch mit einzutreten (vgl. 20).

Worlds Made by Words ist kein Buch über Sprachphilosophie oder die realitätskonstituierende Kraft von Sprache, wie sie im Rahmen der epistemologischen Forschung zum Mittelalter in den letzten Jahren mehrfach herausgestellt wurde, vielmehr geht es, wie der Untertitel belegt, um Scholarship and Community. Worlds Made by Words, das im Mai 2011 auch als Taschenbuch erschienen ist, [1] enthält eine Zusammenstellung von in der Mehrzahl bereits andernorts zwischen 1983 und 2008 publizierten Aufsätzen sowie drei neu veröffentlichten Vorträgen Anthony Graftons. Nach einer kurzen Einführung folgen zunächst neun Kapitel, die sich mit der Vormoderne beschäftigen, sodann weitere sechs Kapitel zum 20. Jahrhundert und zum aktuellen Gelehrtenleben. Als fachfremdem Literaturwissenschaftler fällt es einem nicht leicht, einen allgemein anerkannten Historiker wie Grafton zu rezensieren, aber da die verschiedenen Beiträge innerhalb des Faches bereits ausführlich diskutiert worden sind, ist es nicht notwendig, hier auf jeden einzelnen Artikel gesondert einzugehen. Unabhängig von der Tatsache, dass bei einer derartigen Aufsatzsammlung naturgemäß Unterschiede in der Qualität der einzelnen Beiträge existieren, wird also die Frage zu stellen sein, wie gut sich die verschiedenen Beiträge innerhalb des Sammelbandes zusammenfügen, ob sie, mit ihren unterschiedlichen historischen Schwerpunkten, ein homogenes Ganzes formieren und es daher verdienen, in einem solchen Band gebündelt zu werden.

2. Der Gelehrte als Grenzüberschreiter

Dabei sind es insgesamt zwei Dinge, die Grafton bei seiner Beschreibung des Gelehrtenlebens besonders wichtig sind: Die Tatsache, dass Wissenschaftler bei ihrer Suche nach Fortschritt und Wahrheit stets bereit waren, auch soziale Grenzen zu überwinden, und die Frage danach, wie abhängig die einzelnen Gelehrten seit jeher von den Entwicklungen der Wissenspräsentation und den medialen Gegebenheiten waren. Dafür, dass auch in der Vormoderne der Austausch über Standes- und Religionsgrenzen hinweg gesucht wurde, und es viele als ihre moralische Pflicht ansahen (vgl. 22), wissenschaftliche Arbeit unabhängig von der Person eines Verfassers zu beurteilen, dafür dient Grafton immer wieder die Vorstellung von der Res publica litterarum. In seinem einleitenden und sehr empfehlenswerten Kapitel »A Sketch Map of a Lost Continent – The Republic of Letters« greift Grafton verschiedene Beispiele für ein solch funktionierendes Miteinander unterschiedlicher Wissenschaftler heraus. Auch wenn er sich, wie der Briefwechsel zwischen Decker und Kepler nachher auch belegt, bewusst ist, wie prekär und kompliziert diese grenzüberschreitende Diskussionen waren, und dass auch die Res publica litterarum nicht frei von Hierarchien gewesen ist (vgl. 133), klingt Graftons Darstellung bisweilen etwas übertrieben idealistisch, wenn es etwa heißt:

Citizens of the Republic […] looked for learning, for humanity, and for generosity, and they rewarded those who possessed these qualities. Any young man, and more than a few young women, could pay the price of admission. If they mastered Latin and, ideally, Greek, Hebrew and Arabic […]; visited any recognized scholar […], and greeted their host in acceptable Latin or French, they were assured of everything a learned man or woman could want: a warm and civilized welcome, a cup of chocolate (or, later, coffee), and an hour or two of ceremonious conversation

(20f.)

Die Aufnahme in den Kreis der Gelehrten (der hier unversehens die gemütlich-biedere Form eines professoralen Kaffeekränzchens annimmt) dürfte damals freilich genauso wenig wie heute von Qualitäten wie ›learning‹, ›humanity‹ oder ›generosity‹ abhängig gewesen sein, aber natürlich war die Res publica litterarum auch im 16. Jahrhundert eine Idealvorstellung und insofern sind diese warmen Worte vielleicht verzeihlich. Nichtsdestotrotz lässt sich Grafton hier und da zu sehr von der Begeisterung über diese Idee anstecken: Wenn er etwa eigens betont, dass die aufgeschlossenen Mitglieder der Gelehrtenrepublik und Wissenschaftsgesellschaft die strengen Dogmen, die etwa zur Hexenverfolgung führten, in Frage stellten (»They also became the first to argue in detail that the vast, tottering structure of dogma that underpinned the persecution of witches was far too rickety to bear so great a weight« [25]), dient dies (ebenso wie die Erwähnung, dass Menschen beiderlei Geschlechts in der Republic of Letters willkommen waren – insgesamt dürfte es doch sehr wenige Frauen gegeben haben, die zu diesem erwählten Kreis gehörten) zwar dazu, die Aufgeschlossenheit ihrer Mitglieder zu betonen und mag in Einzelfällen auch durchaus richtig sein, es scheint aber doch eher ein plump-ungeschickter Versuch, den modernen Leser gerade mit dem Widerstand gegen die Hexenverfolgung für die Gelehrtenrepublik einzunehmen. Bereits hier wird deutlich, dass sich erstaunlicherweise gerade Grafton, der sich in der Humanismusforschung einstmals als Zertrümmerer von Forschungsmythen etablierte, immer wieder hinreißen lässt, wenn es um die Republic of Letters geht: »Despite his own warning against nostalgia, he can occasionally appear to be nostalgic when writing about lost worlds«. [2]

Nichtsdestotrotz erfüllt Graftons erstes Kapitel durchaus seinen Zweck und zeigt, wie groß das Bedürfnis nach einem interdisziplinären, internationalen, intersozialen oder interreligiösen Austausch bereits im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit war. Die Vorstellung von der Republic of Letters wird dann auch in den folgenden Kapiteln immer wieder aufgegriffen, wenn Grafton etwa versucht plausibel zu machen, wie Matthias Flacius’ Arbeit an den Magdeburger Centurien zum Vorbild für Bacons ›Haus Salomon‹ wurde (Kapitel 5: »Where was Salomon’s House? Ecclesiastical History and the Intellectual Origins of Bacon’s New Atlantis«), wenn er zeigt, dass selbst das Wissens- und Bildungsimperium der Jesuiten nicht frei von protestantischen Einflüssen war (Kapitel 8: »Entrepreneurs of the Soul, Impresarios of Learning: The Jesuits« [vgl. 174]) oder wenn er den Einfluss religiöser jüdischer Texte auf die christlichen Gelehrten beschreibt (Kapitel 9: »In No Man’s Land – Christian Learning and the Jews«).

3. Buch und Bibliothek als Träger des Austauschs

Ein wesentlicher Träger für den funktionierenden Austausch zwischen den so verschiedenen Wissenschaftlern ist das Buch – und damit kommt man zu einem weiteren zentralen (und vielleicht dem eigentlichen) Thema dieser Aufsatzsammlung: den Veränderungen des Gelehrtenlebens durch die sich immer wieder neu formierenden medialen Gegebenheiten. Nicht nur der Buchdruck an sich als Auslöser einer neuen Wissenschaftslandschaft interessiert Grafton dabei – auch wenn er dem Leser in seinem Kapitel über Johannes Trithemius das beeindruckende Bild und den Fall eines Gelehrten vor Augen stellt, der das neue Medium des gedruckten Buches unterschätzte (»The printed book is made of paper and, like paper, will quickly disappear. But the scribe working with parchment ensures lasting remembrance for himself and for his text« [56]; Kapitel 3: »A Contemplative Scholar: Trithemius Conjures the Past«). Wichtig sind Grafton eher die Versuche, gerade angesichts der neuen Ausbreitung von Wissen eine gemeinsame, für alle kommunizierbare Sprache zu schaffen, sei es in Leon Battista Albertis Schöpfungen einer neuen, transdisziplinären ästhetischen Sprache (vgl. 51; im wohl besten Kapitel zu den vormodernen Gelehrten: »A Humanist Crosses Boundaries: Alberti on ›Historia‹ and ›Istoria‹«) oder in der Geschichte des Latein als einer universalen Gelehrtensprache und ihres Untergangs (Kapitel 7: »The Universal Language: Splendors and Sorrows of Latin in the Modern World«), wobei Grafton entgegen der landläufigen Meinung, gerade das komplizierte Latein der Humanisten habe den Untergang dieser Sprache als Wissenschaftssprache erst forciert, betont: »the Latin of the humanists […] was a new cultural force« (142). Wichtig ist Grafton aber auch die durch die Verbreitung des Buches ganz neu ermöglichte Sammlung von Wissen in Form öffentlicher Institute und hier wird Graftons Buch zu dem, was es in seinem Kern überhaupt ist, zu einer Liebeserklärung an die Bibliothek: Es sind nicht mehr die abgeschlossenen Kloster- oder Privatbibliotheken des Hochmittelalters, sondern für alle (Gelehrten) verfügbare universitäre Einrichtungen wie die Bodleian Bibliothek, die ein ganz neues wissenschaftliches Umfeld schufen. Bereits in der Einleitung zeichnet Grafton am Beispiel Isaak Casaubons das Bild eines Gelehrten, der typischerweise das Leben eines zurückgezogenen und ganz auf seine Forschungen konzentrierten Einzelgängers führt und der unter seinen Oxforder Kollegen wenig Austausch fand (vgl. 3). Die 1602 gegründete Bodleian Library aber liebt Casaubon: »So long as I was in Oxford, I spent all day in the library, for the books cannot be taken out, but the library is open for scholars seven or eight hours a day. You would see many scholars there, eagerly enjoying the feasts spread before them. This gave me no little pleasure« (4), und es kann im Laufe des Buches kein Zweifel daran bestehen: Grafton liebt sie auch. Die Bibliotheken werden zu Zentren des geistigen Austauschs mit den Wissenschaftlern der Vergangenheit und Gegenwart.

4. Die moderne Gelehrtenrepublik?

Die beiden Grundthemen, der Grenzen überschreitende Austausch der Gelehrten und ihre Abhängigkeit von den medialen Veränderungen, verbinden Graftons Aufsätze zur Vormoderne mit denen zum 20. Jahrhundert. In beiden Fällen konzentriert sich Grafton auf einzelne Figuren, die er beispielhaft herausgreift. Sie dienen ihm zur Demonstration der Besonderheit des Gelehrtenlebens, wobei nicht immer aber doch sehr häufig ihr besonderes Verhältnis zur Institution der Bibliothek deutlich wird.

Graftons behutsames Porträt des Casaubon-Forschers Mark Pattison zeigt (Kapitel 11: »The Messrs. Casaubon: Isaac Casaubon and Mark Pattison«), wie kompliziert und disparat das Verhältnis von Fort- und Rückschrittlichkeit einzelner Gelehrter sein kann. Während sich Pattison gegen das Oxforder Bildungssystem wehrte und den Kontakt zum seiner Meinung nach so viel fortschrittlicheren deutschen Systems suchte (221ff.), zeigen seine eigenen Publikationen eine erstaunliche Verhaftetheit in den alten Denkformen. Nichtsdestotrotz kann man aus Pattisons Leben viel über die Möglichkeiten und Chancen des wissenschaftlichen Fortschritts lernen, auch wenn Pattison anscheinend selbst nicht die Kraft oder das Vermögen hatte, die neue Wege zu gehen, die er aufzeigte. Nicht seine Forschungen machen Pattison in Graftons Auge zu einem großen Gelehrten, sondern sein Leben als Gelehrter: »The Scholar is greater than his books. The result of his labours is not so many thousand pages in folio, but himself« (225). Ein ähnlicher Fall liegt bei Robert Morss Lovett vor (Kapitel 13: »The Public Intellectual and the American University: Robert Morss Lovett«), wobei es Grafton hier weniger um die Diskussion von Lovetts wissenschaftlicher Arbeit, sondern um seine Versuche, soziale Grenzen zu überwinden, geht: Wieder ist es der Gelehrte, »a pacifist, communist, and radical« (266), der der Gesellschaft mit gutem Beispiel vorangeht. Die moralischen Verpflichtungen des Gelehrten bleiben auch in der Neuzeit dieselben, die schon in der Res publica litterarum galten. Graftons ganze Arbeit ist dabei, wie oben schon erwähnt, von einem nicht geringen Idealismus geprägt, und manchmal bereitet dies dem Leser durchaus ein wenig Missbehagen. Auch wenn Grafton die Revolutionierung der historischen Wissenschaft durch seinen Lehrer und sein Vorbild Momigliano mit der Entdeckung der DNA-Doppelhelix durch Watson und Crick parallelisiert (»At a time when Watson, Crick, Franklin, and other scientists in Cambridge and London arranged the basic material of life on what turned out to be the double helices, Momigliano laid out the history of scholarship along strikingly similar sets of double axes, like sets of genetic possibilities that determinded what history could become« [237f.]), mag man dies zumindest als Nicht-Historiker für ein wenig übertrieben halten.

5. At the Dinner Table – Die Abendgesellschaft als Triebfeder von Kultur und Wissenschaft

Der vielleicht beste Aufsatz (»The best and most moving essay in Worlds Made by Words«, wie Ormsby meint) [3] unter denen zur Moderne ist Graftons Darstellung einer gescheiterten ›Gelehrtenkommunikation‹: In Kapitel 14, »The Public Intellectual and the Private Sphere – Arendt and Eichmann at the Dinner Table«, berichtet Grafton, wie sein Vater, der Journalist Samuel Grafton, den Versuch startete, Hannah Arendt über ihr kurz zuvor erschienenes und in der Öffentlichkeit viel diskutiertes Buch Eichmann in Jerusalem zu interviewen. Nachdem Arendt die ihr zugesandten Fragen bereits beantwortet hatte, zog sie ihre Bereitschaft zur Publikation des Interviews zurück. Samuel Grafton hatte bei seinen Fragen durchaus kein Blatt vor den Mund genommen und es scheint, dass Arendt u.a. Bedenken hatte, weil das Interview von einem Juden geführt wurde: »They suggested a well-known, non-Jewish reporter. […] But when Look came to do the story, they assigned another reporter to do it, a Jew, who interviewed only people who had already spoken out against me« (282). Dass Letzteres nicht ganz der Wahrheit entsprach und sich Samuel Grafton durchaus bemühte, Arendt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kann Grafton glaubhaft darstellen. Das Kapitel beschreibt das Scheitern einer Kommunikation, es zeigt, dass sich Grafton durchaus bewusst ist, wie brüchig die Idealvorstellungen einer offenen und unparteiischen Diskussion gerade vor einer wissens- und diskussionshungrigen Öffentlichkeit sind. Es zeigt aber auch, wie die spezifischen Mechanismen der 60er Jahre das Bild und die Stellung der Gelehrten prägten. Nicht die Bibliothek wird hier zum Träger der Veränderung, sondern der Dinner Table – die Diskussion über aktuelle Themen in Politik und Kultur im heimischen Kreis des Bürgertums: »Dinners took a long time in those days, and the world quieted down to allow rituals of conversation and consumption to take place in peace« (271). Grafton ist sich durchaus bewusst, dass an diesen Dinner Tables durchaus Vorurteile oder Einseitigkeiten vorherrschen konnten, aber sie sind für ihn doch familiäre Institutionen von und für gebildete(n) Bürger(n), die dafür sorgten, dass schon die Kinder im Familienkreis intellektuell geprägt wurden: »Their first dissections of novels and movies, plays and performances, come with the rib toast. Over salad they begin to see how the great world of ideas and ideals and the little one of personal experience and everyday life intersect« (271), und er schließt: »It was the serious talk of serious people about serious things« (286). Das mag im Einzelfall etwas hochgegriffen sein, aber natürlich hat Grafton Recht, wenn er betont, wie die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen (und wer würde bezweifeln, dass die Diskussionen am heimischen Familientisch durch neue Arbeitsbedingungen und Medien insgesamt abgenommen haben) das kulturelle und intellektuelle Leben prägten.

6. Wege aus dem Elfenbeinturm

Zuletzt sei auf das Abschlusskapitel »Codex in Crisis – The Book Dematerializes« eingegangen. Es ist ein Überblick über die aktuelle Situation unserer Wissensgesellschaft und ein Ausblick in die Zukunft. Von den ersten Katalogisierungsversuchen in der vorchristlichen Bibliothek von Alexandria (vgl. 293f.) bis heute hat sich die Wissenschaftssituation durch veränderte Bedingungen der Wissensspeicherung immer wieder grundlegend gewandelt, in den letzten Jahren insbesondere durch die neuen Möglichkeiten des World Wide Web. Zahlreiche Bücher sind online erhältlich und einsehbar, so dass die klassische Bibliothek, wie sie Grafton so sehr liebt, ein überholtes Modell zu sein scheint: Google Books und EEBO (Early English Books Online) sowie eine Vielzahl weiterer kommerzieller und nicht-kommerzieller Anbieter stellen potentiellen Lesern eine solche Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, dass sich viele Studenten und Professoren oft genug den Weg in die Bibliothek sparen. Eine Entwicklung, die sich schon in den letzten Jahren anbahnte:

Suddenly, you could conduct serious research on the Vatican Library’s collections not only in Rome but also in St. Louis, where the Knights of Columbus assembled a vast corpus of microfilms; or study the Milanese Biblioteca Ambrosiana at Notre Dame. For the first time, you could become an expert bibliographer or paleographer, edit texts or excerpt ancient newspapers and journals, without ever leaving home in California or Kansas.

(298)

Wer würde die dadurch entstehenden Vorteile nicht sehen und – wie der Abt von Sponheim – die Möglichkeiten dieser Speichersysteme unterschätzen wollen? Auch die neuen Chancen wissenschaftlichen Austauschs beschreibt Grafton, wenn er auf Blogs oder Kommentarfunktionen zu sprechen kommt (317 ff.). Aber natürlich sieht Grafton auch die Nachteile und es wird nicht verwundern, wenn er der Bibliothek auch angesichts der neuen Möglichkeiten ein Fortbestehen prognostiziert, sei es, weil einzelne Bücher (häufig aus kommerziellen Gründen) bei den verschiedenen Scan-Anbietern durch das Raster fallen, oder weil die unzähligen Internetanbieter kaum miteinander vernetzt sind und natürlich, weil jedes Buch auch einen haptischen Eindruck transportiert, weil – gerade für den Historiker – die genaue Papierart oder gar der Geruch eines Buches von entscheidender Bedeutung sein können (»Duguid describes watching a fellow historian systematically sniff 250-year-old letters in an archive. By detecting the smell of vinegar – which had been sprinkled on letters from towns struck by cholera in the eighteenth century, in hope of disinfecting them – he could trace the history of disease outbreaks« [311]). Auch die neuen Aufgaben der Gelehrten in der Anleitung jüngerer Forscher, die zwar alles zitieren, aber nicht mehr mit den Zitaten umgehen und eine eigene Forschung daraus ableiten können (vgl. 322), beschreibt Grafton.

Dieses letzte Kapitel ist bereits viel diskutiert worden und glaubt man dem teilweise recht überschwänglichen Lob der bisher erschienen Rezensionen, so handelt es sich hierbei um ein besonderes Herzstück des Buches (das Kapitel wurde zuvor bereits zweimal in Aufsatzform publiziert). [4] Das mag aber den unvoreingenommenen Leser etwas erstaunen, denn tatsächlich ist gerade dieses letzte Kapitel ein wenig enttäuschend: Zwar schließt es die bisherigen Betrachtungen zum Gelehrtenaustausch und zu der Abhängigkeit der Gelehrten von ihrem medialen Umfeld vorzüglich ab und bildet so im Prinzip einen gelungenen Abschluss für das Buch – allerdings bietet es für sich genommen nicht viel Neues: Die Betrachtungen zu den Möglichkeiten des Internet sind ebenso konventionell wie Graftons Verteidigung des haptisch erfahrbaren Buches und der Bibliotheken; auch wundert man sich, warum hier selbst Klassiker zur Medientheorie, etwa von Herbert Marshall McLuhan oder Douglas Rushkoff mit keinem Wort erwähnt werden.

7. Fazit

Insgesamt ist Graftons Zusammenstellung von Aufsätzen durchaus gelungen. Das Buch ist gut lesbar, und man kann die euphorischen Lobesworte der Washington Post Book World, die Grafton attestiert, er »writes with an admirable clarity and zest«, oder Felipe Fernández-Armestos (»Beautitully presented and delightful to read. Grafton’s prose has a rare combination of qualities, smooth-flowing and hard-hitting«) auf dem Klappentext durchaus unterstreichen, »the heart of good scholarship is the heart of all good writing: telling good stories. Grafton, praise be, understands this«. [5] Freilich ist Graftons gut lesbarer und so eingängiger Stil, den Grafton in seinen für ein breiteres Publikum gedachten Publikationen im New Yorker und The New York Review of Books geschult hat, bisweilen auch seine größte Gefahr, denn hier und da lässt er sich mitreißen, neigt, wie mehrfach gesagt, zum Idealismus und – zumindest gewinnt man gerade durch diesen Stil den Eindruck – zu Simplifizierungen. Manches wirkt daher etwas schematisiert (vielleicht auch wegen der Konzentration auf große Namen der Geschichte, wie Trithemius, Kepler oder Bacon), und hier und da hätte man als Leser durchaus das Bedürfnis nachzufragen und selbst in Austausch mit dem Gelehrten und Verfasser des Buches zu treten. Die Tatsache, dass Grafton vielfach auf eigene Erfahrungen Bezug nimmt, von seinen eigenen Erlebnissen in Bibliotheken erzählt, seine Lehrer und seinen Vater als ›Forschungsobjekt‹ präsentiert, all das wirkt manches Mal auf etwas altväterliche Weise befremdlich, ist aber nicht ganz untypisch für die englische Forschungsliteratur. In jedem Falle kann man Graftons Buch seine Qualität nicht absprechen und so lässt sich Steve Donoghues Urteil: »if any living author can convey the interest, the life, and the sheer joy of the scholarly tradition, it’s Grafton« schon aufgrund der stupenden Gelehrsamkeit des Verfassers durchaus unterstreichen. [6] Die einzelnen Aufsätze bilden daher einen unverzichtbaren Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte, Mary Beard hat Worlds Made by Words in Times Literary Supplement nicht zu Unrecht als »one of the most intelligent and moving celebrations of the Republic of Letters I have ever read« bezeichnet. [7]

Dr. Björn Reich

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für deutsche Literatur

Ältere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt

Literatur des hohen Mittelalters

Anmerkungen

[1] Außerdem können Teile des Buches über Google Books eingesehen werden, vgl. http://books.google.com/books?id=6lE-OdAQPJsC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_ r&cad=0#v=onepage&q&f=false (16.09.2011). [zurück]

[2] Andreas Hess, Alone in the ivory tower? Not quite, Times Higher Education, http://www.timeshighereducation.co.uk/story.asp?storyCode=406207&sectioncode=26 (16.09.2011). [zurück]

[3] Eric Ormsby, Travels in the Republic of Letters, The Wall Street Journal, http://online.wsj.com/article/SB123699538163527737.html (16.09.2011); vgl. Hess (Anm 2.). [zurück]

[4] Vgl. die Rezensionen von Steve Donoghue in Open Letters Monthly, http://www.openlettersmonthly.com/book-review-worlds-made-by-words/ (16.09.2011), Peter Green, Google Books or Great Books? The enduring value of the Republic of Letters, in all its forms, The Times, http://entertainment.timesonline.co.uk/tol/arts_and_entertainment/the_tls/article6714491.ece (16.09.2011) und William S. Monroe in Libraries and the Academy 10 (2010), 113f. [zurück]

[5] Donoghue (Anm. 4). [zurück]

[6] Ebd. [zurück]

[7] Vgl. http://search.barnesandnoble.com/Worlds-Made-by-Words/Anthony-Grafton/e/9780674060258/?btob=I (16.08.11). [zurück]

2011-10-11

JLTonline ISSN 1862-8990

This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and JLTonline.

For other permission, please contact JLTonline.

How to cite this item:

Björn Reich, Eine Liebeserklärung an die Bibliothek – Worlds Made by Words. (Review of: Anthony Grafton, Worlds Made by Words. Scholarship and Community in the Modern West. Cambridge, MA/London: Harvard University Press 2009.)

In: JLTonline (11.10.2011)

URL: http://www.jltonline.de/index.php/reviews/article/view/429/1111

A Persistent Identifier can be found in the PDF-Version of this article.